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100 Jahre Burg

Die heutige Burg Giebichenstein Kunsthochschule Halle verbindet mit ihrem Lehrangebot und ihren Werkstätten in den beiden Fachbereichen Kunst und Design auf herausragende Weise Kontinuität und stete Orientierung an neuen Erfordernissen. Im Jubiläumsjahr wird hier das Projekt „Stationen der BURG“, eine dynamische synoptische Geschichtsplattform, entstehen.

Mit der Berufung des Architekten Paul Thiersch als neuem Direktor an die hallesche Handwerkerschule begann 1915 – der „Geburtsstunde“ – der schrittweise Umbau der Ausbildungsstätte zu einer modernen, an der Praxis orientierten Kunstgewerbeschule mit ausbildenden und produzierenden Werkstätten. Thierschs Ideen dazu folgten den Zielen des Deutschen Werkbundes, dessen Mitglied er war. Er strebte eine konsequente Neuorganisation an, in seinen Augen musste die „kunsthandwerkliche Erziehung ... vom ersten Augenblick an auch eine künstlerische sein“. So wurden in der neuen Kunstgewerbeabteilung eine Fachklasse für kunstgewerbliche Frauenarbeiten und eine Klasse für Bildhauerei, geleitet von Gustav Weidanz, etabliert. 1918 erfolgte die Umbenennung in Handwerker- und Kunstgewerbeschule der Stadt Halle.

Der weitere systematische Ausbau der Werkstätten bis 1933 (u.a. die Einrichtung einer Werkstatt für Metallbearbeitung, für Baukeramik, für Töpferei, die Eröffnung einer Buchbindewerkstatt und einer Textilwerkstatt) führte zu sichtbaren Erfolgen. Denn mit den Erzeugnissen ihrer Werkstätten, ganz besonders aber durch die Mitarbeit der Fachklassen bei verschiedenen größeren Ausstattungsaufträgen, erwarb sich die Schule einen nachhaltig guten Ruf – als die einflussreichste deutsche Kunstschule neben dem Bauhaus. Mit dem Machtantritt der Nationalsozialisten erlebte die BURG schwere Zeiten, viele Lehrer (darunter alle ehemaligen Bauhäusler) wurden entlassen, zahlreiche Klassen geschlossen.

Nach dem Krieg folgte eine unruhige Phase der Neuorientierung: Die Auswirkungen einer doktrinären Kulturpolitik im Zuge der sogenannten Formalismusdebatte erschwerten eine kontinuierliche Entwicklung. 1958 erhielt die BURG, als Hochschule für industrielle Formgestaltung Halle – Burg Giebichenstein, ihren universitären Status. In den folgenden Jahren konnte die erneute planvolle Einrichtung immer breiter aufgestellter Designabteilungen realisiert werden. Die Burg profilierte sich in den folgenden Jahrzehnten mit ihrer theoretisch fundierten und praxisnahen Lehre neben der Kunsthochschule in Berlin-Weißensee als einflussreichste Ausbildungsstätte für Designer. Sie wirkte mit der Ausbildung in den Fachrichtungen der angewandten Kunst bestimmend für die besondere künstlerische Qualität des Kunsthandwerks in der DDR. 1972 wurden die als „Angewandte Kunst“ eingeschränkten Ausbildungsmöglichkeiten in Grafik, Malerei und Plastik aufgehoben und damit die Qualität der künstlerischen Ausbildung gestärkt. Auch wissenschaftlich machte sich die BURG einen Namen und zwar mit den ab 1977 kontinuierlich veranstalteten Designwissenschaftlichen Kolloquien.

Nach der Wende 1989 wurde die Hochschule erneut organisatorisch umgestaltet und konnte nach verschiedenen Phasen der inneren und äußeren Evaluierung ihren Kunsthochschulstatus erhalten. In allen Studiengängen wurden die Ausbildungsprogramme überarbeitet. Auf den veränderten Gebrauch von neuen Medien in der Gesellschaft reagierend, wurde zunächst im Fachbereich Design, später auch in der Kunst, der Einsatz der Neuen Medien auf allen Gebieten forciert. In der Folge wurden spezialisierte medienorientierte Fachgebiete gegründet. Außerdem wurden die Studienrichtungen Kunsterziehung und Kunstpädagogik neu eingerichtet. Ab 1992 erschienen zudem erste Publikationen im hochschuleigenen Verlag.

Seit Frühsommer 2000 besitzt die Hochschule mit der Galerie im Volkspark Halle eigene Ausstellungsräume, in denen neben Diplompräsentationen thematisch konzipierte Ausstellungen stattfinden, die mit der Lehre verbunden sind. Ab 2005 verstärkte die Hochschule ihre internationalen Kontakte und Aktivitäten. Sie ist Mitglied im Cumulus-Verbund der Europäischen Hochschulen und Mitglied von ELIA (European League of Institutes of the Arts). Im Rahmen des ERASMUS-Programms unterhält sie Kooperationsvereinbarungen mit 53 Partnerschulen in 20 Ländern innerhalb Europas, daneben bestehen direkte Kontakte unter anderem mit Kunsthochschulen in Kanada, Japan, den USA, China, Indien, Vietnam und Kuba. 2010 änderte die Hochschule mit der Veröffentlichung der Novellierung des Hochschulgesetzes des Landes Sachsen-Anhalt im Juli ihren Namen in Burg Giebichenstein Kunsthochschule Halle.

Das Jubiläum anlässlich des 100-jährigen Bestehens der Burg ermöglicht es, das gegenwärtige künstlerische, gestalterische und theoretische Potential der Kunsthochschule regional und international vorzustellen und dabei sowohl auf die aus heutiger Sicht wichtigsten Traditionslinien Bezug zu nehmen, als auch in die Zukunft zu denken und neue Ideen zu entwickeln und zu präsentieren.

Mehr zur BURG-Geschichte unter:
www.burg-halle.de/hochschule/hochschulkultur/geschichte.html